Konzept zur International Graduate School

Marie-Theres Albert 2012

Konzept zur International Graduate School:

Heritage Studies – Heritage Transformation Processes and Human Development

Einleitung

Die Erhaltung, Sammlung und Erschließung von Natur und Kulturgut sowie dessen Aufbereitung und Vermittlung für alle Schichten der Bevölkerung ist eine zentrale Aufgabe derzeitiger und zukünftiger Generationen. So etwa heißt es zusammengefasst in der Präambel der Konvention zum Schutz des Erbes der Menschheit, die in diesem Jahr ihren vierzigsten Geburtstag feiert. Diese Konvention gilt als die erfolgreichste aller UNESCO Konventionen, weil es der Weltgemeinschaft mit ihrer Anwendung gelungen ist, Erbe als ein für die Nachwelt zu erhaltendes Gut zu identifizieren und diese Bedeutung im öffentlichen wie im privaten Bewusstsein zu verankern. Weitere Konventionen und Programme, die sich mit einer für nachhaltige menschliche Entwicklung relevanten Konstruktion von Erbe befassen, sind die Konvention zur Bewahrung des immateriellen Erbes der Menschheit, das Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und das Programm zum Schutz des dokumentarischen Erbes. Mit der  weltweiten Akzeptanz und Anwendung dieser Instrumente wurde das gesellschaftliche Bewusstsein über das immanente Potenzial von Erbe in all seinen Facetten aus den 70er Jahren des 20ten Jahrhunderts in das 21. Jahrhundert transformiert. An dieser Transformation von UNESCO Instrumenten zur Erhaltung des kulturellen und natürlichen Erbes der Menschen in gesellschaftliches Bewusstsein und Handeln des 21. Jahrhunderts setzt die International Graduate School Heritage Studies (IGS) an.

Zielsetzung

Heute mehr denn je wird Erbe in seiner Bedeutung für menschliche Entwicklung gefasst und auch in Wert gesetzt. Als solches wird der Erbeschutz wie seine Nutzung auch als identitäts- und friedensstiftendes Potenzial gefasst. Auch deswegen muss sowohl Bewahrung und Schutz als auch Nutzung und Verwertung von Erbe den Kriterien von Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung gerecht werden. Schutz wie Nutzung benötigen ein umfassendes individuell und gesellschaftlich verantwortliches Handeln aller mit diesen Prozessen befassten stakeholder. Verantwortliches Handeln von Menschen oder Gruppen setzt deren Wissen und Bewusstsein über die Bedeutung von Erbe für die Gestaltung von Zukunft voraus; und das wiederum erlangt man nur, wenn alle betroffenen stakeholder in die Prozesse der Unterschutzstellung wie in die der Nutzung von Erbe einbezogen sind.

Auf die Herausbildung verantwortlichen Bewusstseins und Handelns im Interesse der friedlichen Gestaltung der Zukunft zielen nicht nur die Gründungsdokumente der  UNESCO, sondern auch alle im Laufe der fast 70 Jahre ihres Bestehens verabschiedeten Konventionen und Strategien, die thematisch auf den Schutz des materiellen und immateriellen sowie auf den des natürlichen und dokumentarischen Erbes der Menschheit in all seinen vielfältigen Repräsentationen ausgerichtet sind.

Diesem normativen Anspruch will auch die IGS in ihrer umfassenden Zielsetzung gerecht werden. Dabei muss sie insbesondere die durch die UNESCO Konventionen formulierten Ziele theoretisch untermauern und perspektivisch entwickeln. Es geht darum, Forschungsarbeiten zu initiieren und erfolgreich durchzuführen, die den Herausforderungen an einen nachhaltigen Schutz und an eine nachhaltige Nutzung von Erbe im Interesse menschlicher Entwicklung gerecht werden; denn darauf gibt es bisher wenig Antworten. Die Antworten, die es gibt, sind entweder auf die jeweilige Konstruktion von Erbe (materiell oder immateriell) und damit einhergehenden disziplinären Zugängen oder auf die politischen Ambitionen der UNESCO reduziert.

Unter Berücksichtigung der genannten Ziele wird Forschung in der International Graduate School Heritage Studies im Rahmen eines strukturierten Promotionsstudiums organisiert. Das Ziel des Studiums ist die Erstellung einer Dissertation sowie ihre Verteidigung. Auf der Grundlage eines PhD-Studienprogramms ist das PhD Studium so aufgebaut, dass die Qualifikation in dem zur Verfügung stehenden zeitlichen Rahmen erreicht werden kann. Dazu wird durch das PhD-Studium eine Systematik für den Arbeitsprozess an der Dissertation bereitgestellt, der deutschen und internationalen PhD-Studierenden mit ihren strukturell und kulturell heterogenen Lernerfahrungen gleichermaßen als Orientierung dient.

Konzept

Promotionen im breiten Feld der Heritage Studies sollten auf der Grundlage eines eigenen Profils erfolgen, das u.a. folgende paradigmatisch formulierte Fragen stellt und Antworten erarbeitet: Wie muss man Heritage Studies im wissenschaftlichen Diskurs positionieren, damit man sie als ein für die Breite der Heritage Themen relevantes Paradigma identifizieren kann. Über welche erkenntnisleitenden Interessen und Methoden müssen Heritage Studies verfügen, damit sie der Breite der Heritage Phänomene gerecht werden? Welche disziplinären, inter-und/oder transdisziplinären Diskurse sind in die Heritage Studies zu integrieren, damit sie auf die Herausforderungen der Globalisierung fach- und sachgerechte Antworten entwickeln und bereitstellen können? Und nicht zuletzt, wie ist der Theorie- Praxisbezug so herzustellen, dass Antworten auf soziale und politische Entwicklungen aus Sicht der Heritage Studies gegeben werden können. Ich möchte betonen, dass es weder bei der Formulierung von Fragen, noch bei der Suche nach Antworten um Bestimmungen von Wahrheit geht. Vielmehr ist das Phänomen Heritage in seinen Facetten und Dynamiken zu fassen. Damit ist auch das zentrale Paradigma des hier konstruierten Ansatzes formuliert. Heritage Studies werden als die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Transformationsprozessen verstanden, die Heritage unter den Bedingungen der Globalisierung durchläuft und vollzieht.

Die Heritage Studies in dem hier vorgenommenen Zuschnitt werden damit eben durch die skizzierten Transformationsprozesse auch erkenntnistheoretisch positioniert. Sie werden als eine kritische Disziplin verstanden, die ihre Forschungsfragen und Themen zwar inter- und/oder transdisziplinär bearbeiten, die sie aber explizit aus den Anforderungen der sich täglich und für die Bevölkerung der Welt unterschiedlich verändernden Lebenswirklichkeiten herleiten. Das beinhaltet zunächst, das Erkenntnisinteresse im Kontext der Vielfalt unserer Welt zu positionieren. Es bedeutet auch, die kulturelle Vielfalt der Welt in den Ansätzen und Methoden der Heritage Studies widerzuspiegeln, ohne beliebig zu werden. Nicht zuletzt bedeutet es, Strategien für die Zukunft bspw. für einen nachhaltigen Umgang mit Heritage zu entwickeln. Mit anderen Worten, es geht um Erkenntnisgewinn im Interesse einer theoretischen Weiterentwicklung der Heritage Studies und es geht um die Erarbeitung von Umsetzungsstrategien für die Praxis. Theorie wie Praxis sollen die Heritage Studies paradigmatisch für menschliche Entwicklung zu konzipieren. Die folgende Struktur kann idealtypisch über Themen, Inhalte und Methoden Auskunft geben, die als das Konzept der International Graduate School Heritage Studies gelten mögen.

Struktur

Struktur einer paradigmatisch angelegten Forschungssystematik für Heritage Studies

Overall objectives of Heritage StudiesOverall conditions for development
Heritage transformation processes and human developmentImpacts of globalization on heritage: migration, sustainability, climate change, participation, empowerment, (in-)equality, commons, diversity etc.
Constituent components of heritageCorresponding sciences and approaches of research
Culture, nature, diversity, tangible and intangible heritage etc.Humanities, natural and social sciences, structural sciences and engineering
Interests of knowledgeCorresponding epistemologies
Constructivist, hermeneutic, empirical (phenomenological), critical and analytic or poststructuralist approaches
RealizationCorresponding methods
Text analysis and interpretation, discourse analysis, qualitative and quantitative empirical research, structural and natural research meth-ods

Forschungsschwerpunkte

In der International Graduate School Heritage Studies (IGS) werden die verschiedenen Facetten von materiellem und immateriellem Erbe vor allem unter Berücksichtigung von Fragen nach kultureller Identität und Diversität sowie Nachhaltigkeit erforscht. In dieser Ausrichtung ist die IGS Heritage Studies explizit interdisziplinär konstituiert.

Unter Leitung des UNESCO Chair in Heritage Studies wurden fünf Forschungsschwerpunkte konzipiert und implementiert.

1)    Materielles Erbe im Kontext globalen Wandels

In diesem Schwerpunkt werden Forschungsarbeiten umgesetzt, die sich mit den Facetten globaler Transformationsprozesse (Migration, Urbanisierung, Klimawandel, Tourismus, etc.) und deren Auswirkungen auf das materielle Erbe befassen. Zur Erforschung der verschiedenen Dimensionen von materiellem Erbe als einzelne Monumente, in Kultur-und Stadtlandschaften, in archäologischen Stätten oder in Gebäudeensembles strebt der UNESCO Chair in Heritage Studies weltweite Kooperationen an. Zum Beispiel besteht dringender Forschungs- und Lehrbedarf zu der Thematik Nachhaltigkeit in Kultur- und Stadtlandschaften in Zeiten einer zunehmenden Urbanisierung oder in der Auseinandersetzung mit Authentizität in Prozessen der Modernisierung von Infrastruktur etc. Das benötigt eine enge interdisziplinäre Kooperation mit der Architektur, dem Bauingenieurwesen oder der und Stadtplanung.

Keywords: globaler Tourismus und Erbe; Erbe als kulturelle Praxis; Klimawandel und die Konstruktion/Transformation von Erbe; Migrationsprozesse und Erbe; Entwicklung und Erbe.

2)    Immaterielles Erbe/ Religion/ Identität/ Vielfalt

In diesem Schwerpunkt werden die Entstehung und Entwicklung von immateriellem Erbe unter Berücksichtigung von immateriellen kulturellen Ausdrücken und Praktiken erforscht. Im Mittelpunkt dieser Focus Area steht die Bedeutung dieser Praktiken für die Herausbildung und Bewahrung der kulturellen Identitäten sowie der Untersuchung von Gefahren, der diese durch die Globalisierung ausgesetzt sind.  Die zentralen Konventionen, die der Forschung in dieser Focus Area zugrunde liegen, sind die Konvention zur Bewahrung des immateriellen Erbes (2003) und die Konvention zum Erhalt der kulturellen Vielfalt unserer Welt (2005). Auch neuere Entwicklungen in diesem Bereich wie die der Forschung zur Inwertsetzung von immateriellem Erbe, werden hier berücksichtigt.

Keywords: religiöse und rituelle Praktiken; musikalische Ausdrücke und Tanz; Schutzkonzepte von immateriellem Erbe; Schutz von kultureller Vielfalt; Funktion und Wirkung von Museen in der Vermittlung von immateriellem Erbe.

3)    Nachhaltiger Schutz und Nutzung von Erbe im Kontext innovativer Erbekonzeptionen

In diesem Schwerpunkt werden Forschungen bearbeitet, die die sogenannten 4 Säulen der UNESCO zur kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit kritisch befragen und deren Widersprüche auch anhand aktueller Entwicklungen untersuchen. Ein wesentliches Forschungsinteresse innerhalb dieses Schwerpunktes ist die Auseinandersetzung mit innovativen Management-Strategien für einen nachhaltigen Schutz und eine nachhaltigen Nutzung des Welterbes. Geplant ist die aktive Weiterentwicklung eines Programms für Interkulturelles Konfliktmanagement und Mediation unter Einbindung der Perspektiven aus Philosophie, Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Unternehmensführung.

Key words: Paradigmenwechsel im Verständnis von Erbe: Vom kultureller Gut zum ökonomisch verwerteten Produkt; Marketing und Heritage; Grenzen und Möglichkeiten partizipativer Ansätze im Management von Erbe; Schutz und Nutzung von Erbe in der Stadt- und Regionalentwicklung.

4)    Kulturlandschaften

In diesem Schwerpunktbereich werden Forschungsarbeiten umgesetzt, die das UNESCO-Verständnis von Kulturlandschaften sowie die damit einhergehenden politischen Strategien zur Balancierung der Welterbeliste erforschen. Sie kontrastieren die UNESCO Interpretationen mit der Vielfalt vorhandener theoretischer Ansätze und entwickeln Synthesen. Sie suchen Antworten auf Fragen, die aus widersprüchlichen Umsetzungen der UNESCO-Welterbekonvention hervorgegangen sind bzw. sich darüber hinausgehend entwickelt haben.

Keywords: kulturelle Praktiken und Entstehung von Kulturlandschaften; Zusammenspiel zwischen Kultur und Natur; Landnutzung und biologische Vielfalt; urbane Landschaften als Erbe.

5)    Erbevermittlung mit innovativen Technologien/ Memory of the World

In diesem Schwerpunkt untersuchen die Forschungsarbeiten die strategischen Ziele des UNESCO-Programms „Memory of the World“. Vor diesem Hintergrund stehen die Theorien von Kommunikationsstrategien für Erbe und deren Anwendung im Fokus der Forschungen. Bereits jetzt besteht ein artikuliertes internationales Interesse daran, das Thema Dokumenterbe für eine größere Zielgruppe aufzubereiten; zum Beispiel für einen internationalen Masterstudiengang. Die Forschung zum Dokumenterbe  benötigt Kooperationen mit technisch  aber auch mit sozialwissenschaftlich ausgerichteten Lehrstühlen und nicht zuletzt mit Lehrstühlen der Informatik.

Keywords: interaktives Lernen; Interpretation und Verbreitung von Erbe durch neue Medien; Mehrwert der Digitalisierung von Erbe.

 

← Expertise